„Ich habe dem Triathlon alles gegeben“ – Anne Haug über ihren Weg zur Weltspitze und den Abschied vom Profisport

Anne Haug ist zweifelsohne eine der prägendsten Persönlichkeiten des deutschen Frauentriathlons der letzten Jahre. Ihre Geschichte ist vor allem deshalb so bemerkenswert, weil sie eine untypische Laufbahn hinlegte. Erst mit 20 Jahren lernte die Bayreutherin das Kraulschwimmen. Viele Hürden hatte sie zu überwinden, bis sie es in das deutsche Olympia-Team schaffte. Von der Kurzdistanz, auf der sie 2012 und 2016 bei den Olympischen Spielen startete, schaffte sie später den Sprung zur Langdistanz-Weltspitze. Der Höhepunkt ihrer Karriere war sicherlich ihr Sieg beim Ironman Hawaii im Jahr 2019, womit sie als erste deutsche Frau den „Lavathron“ bestieg. Im Juli 2024 untermauerte sie dann ihren Ausnahmestatus erneut, als sie beim Challenge Roth mit einer Zeit von 8:02:38 Stunden eine neue Weltbestzeit aufstellte.

Im letzten Jahr überraschte sie mit einem emotionalen Karriereende, das sie am 22. Juli verkündete. Nach einem Rennabbruch beim Ironman Vitoria-Gasteiz erklärte die Bayreutherin offen, dass ihr mentaler Akku leer und ihr Wille, sich über extreme Schmerzen hinwegzusetzen, erschöpft sei.

Ihr Buch „Ironmade“, das am 19. Mai erscheint, reflektiert ihren Weg – vom späten Einstieg über die großen Triumphe bis hin zu der mutigen Entscheidung, den Profisport hinter sich zu lassen.

Hallo Anne,

In deinem Buch „Ironmade“ beschreibst du deinen Weg an die Spitze. Wenn du auf deine Anfänge in Bayreuth zurückblickst – was war damals der wichtigste Impuls, der dich trotz des „späten“ Starts mit 20 Jahren daran glauben ließ, dass du es bis ganz nach oben schaffen kannst? 

Naja, man fängt natürlich erstmal an, sich kleine Ziele zu setzen. Nachdem ich mir Schwimmen beigebracht habe, wollte ich es in die 2. Bundesliga schaffen. Das war mein Traum und dann sind sie immer größer geworden und ich wollte immer mehr. Sicherlich war mir stets bewusst, dass ich eine gute dritte Disziplin, das Laufen, habe, mit der ich Rennen gewinnen kann. Aber nach dem Schwimmen in einer aussichtsreichen Position zu sein, damit ich meine Stärke ausspielen kann, war immer eine Herkulesaufgabe für mich.

Der Titel „Ironmade“ lässt sich zweifach lesen: als „vom Ironman geformt“ oder als „aus Eisen gemacht. Wie viel von der Profisportlerin Anne Haug steckt heute noch in der Privatperson, und gab es Momente beim Schreiben des Buches, in denen du selbst über deine eigene Widerstandsfähigkeit gestaunt hast?

Ich denke, dass mich meine Zeit auf der Kurzdistanz wirklich „hart“ gemacht hat. Mental sowie körperlich. Ich musste so viele Niederlagen einstecken und immer und immer wieder aufstehen, gegen alle Widerstände und Zweifler. Da musst du wirklich sehr gut dein „Warum“ kennen, um immer an dich zu glauben und sich nicht von seinem Traum abhalten zu lassen, auch wenn der vielleicht Lichtjahre entfernt zu sein scheint.

Dein Karriereende im Sommer 2025 kam für viele Fans überraschend. Inwiefern hat dir die Arbeit an deiner Autobiografie dabei geholfen, diesen „Bruch“ und den Abschied vom Profisport zu verarbeiten?

Das Buch war sowohl wie eine Art „Therapie“, als auch ein wirklich cooler Rückblick auf 20 Jahre Hochleistungssport. Wenn man so in seinem Film ist, dann schaut man nie wirklich zurück; ist immer nur auf „höher, schneller, weiter“ fokussiert. Das Ganze mal mit Abstand zu betrachten/reflektieren war schon krass und macht mich unheimlich dankbar für jeden Tag, den ich meinen Traum leben durfte. Ich habe es immer als ein großes Privileg betrachtet und mehr erreicht, als ich mir je zu träumen gewagt hätte. Jetzt kann ich mit absoluter Sicherheit sagen: „Mehr wäre nicht drin gewesen. Ich habe dem Triathlon alles gegeben, was ich zu geben hatte und bereue keine einzige Entscheidung. Ich habe fertig :)“

Nach all den Jahren, in denen dein Leben exakt durchgetaktet war, genießt du nun die Zeit ohne den extremen Leistungsdruck. Welche neuen Projekte oder Träume stehen nach der Buchveröffentlichung für dich im Fokus?

Ich habe das große Glück, viele Sachen ausprobieren zu dürfen und mich breit aufzustellen. Neben dem Buchprojekt, dass mich jetzt über ein halbes Jahr beschäftigt hat, gebe ich Impulsvorträge bei großen Firmen und gebe gerne mein Wissen und meine Erfahrung weiter. Als diplomierte Sportwissenschaftlerin schaffe ich mir auch ein Standbein in meiner zweiten Heimat Lanzarote und biete dort im Bikefitting Studio meines Freundes und im Club La Santa Leistungsdiagnostiken, individuelle Trainingsbetreuung, Beratungsgespräche und Vorträge zu sportwissenschaftlichen Themen an.

Foto: Frank Übelhack